Das vergangene Jahr war geprägt durch die Corona-Pandemie. Welche Auswirkungen hatte das für Eure Akademie, für Euer Engagement für Tier-, Natur- und Artenschutz?

Julia Gräfin Maltzan: Durch die Pandemie waren uns Hände und Füße gebunden, was das Reisen und die Einsätze vor Ort anging. Durch fehlende Einnahmen aus dem Tourismus gab es in vielen Schutzgebieten Engpässe, aber auch die Chance zur vorübergehenden Erholung der insgesamt geschwächten Ökosysteme. Das neuerwachte Bewusstsein für die kritische Lage unseres Planeten dürfte dazu führen, dass wir alle künftig nachhaltiger und ressourcenschonender leben und wirtschaften, und so haben wir die Zeit für konzeptionelle Entwicklung und regionale Projekte genutzt.

 Henning Wiesner: Die Corona-Epidemie hat uns glücklicherweise nur indirekt betroffen, da diverse behördliche Anträge und Genehmigungen sich einfach herausgezögert haben. Sei es der Transport von Przewalski-Urwildpferden ins Ausland – hier haben wir die Narkosen gemacht – oder die Genehmigung zur Aufstellung von Wildkameras im Langenau-Projekt in der Tegernsee-Region. Das Projekt zur Konservierung von Spermien von bedrohten Kranicharten in Norddeutschland musste ein ganzes Jahr lang ruhen. 

Was gibt es denn für erfreuliche Entwicklungen in diesem Jahr, das durch die Pandemie so (reise-)beeinträchtigt war?

Julia Gräfin Maltzan: Endlich ist uns die Gründung der „Wildtierhilfe Bayern e.V.“ gelungen, für die wir jahrelange, intensive Vorarbeit geleistet hatten. Diese Dachorganisation stellt den künftigen Ansprechpartner und Interessenvertreter für alle mit der Wildtierversorgung und -rehabilitation beteiligten Organisationen dar. Zuerst werden nun Leitfäden erarbeitet zur standardisierten
Aufnahme, Versorgung und Wiederauswilderung sowohl für Tierärzte, als auch für Pflegestellen und die Öffentlichkeit, natürlich im Rahmen eines ökologisch sinnvollen Konzeptes, das auch dem
Artenschutz und der Pädagogik Rechnung trägt. Durch diese gemeinsame Initiative wird langfristig eine Lücke geschlossen, die mir sehr auf der Seele brannte und für unsere einheimischen Wildtiere einen großen Gewinn darstellen dürfte.

Henning Wiesner: Sehr erfreulich war, dass der Zoo La Paz nach Direktorenwechsel nun endlich doch das grüne Licht für unser Kondorprojekt gegeben hat und wir nun grenzüberschreitend mit dem Schutzprojekt in Argentinien zusammenarbeiten werden. Wir stellen hier Gelder zur Weiterbildung von Zoo-Personal sowie für Geräte und Medikamente zur Verfügung. Und in der Langenau im Tegernseer Gebiet werden nun die Wildkameras aufgestellt. Zudem beschäftigten uns derzeit verhaltens­auffällige Auerhähne in Österreich. In der Gegend rund um Zell am See haben die Tiere zum Beispiel einen Balkon vor dem Tennisplatz verteidigt und Traktoren angegriffen. Wir wollen wissen, warum sie sich so gebärden, erste Testosteronproben haben wir bereits gezogen, wir brauchen jedoch noch weitere Referenzwerte. Zudem planen wir, einige Auerhähne mit den neuen Mini-Sendern (G’P’S Solar GSM Tag) in Zusammenarbeit mit Professor Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie zu besendern. Ein entsprechender Antrag bei der Landesveterinärdirektion ist bereits gestellt.

Wie wichtig sind Kooperationen mit anderen Organisationen und Institutionen für den Tier-, Natur- und Artenschutz international wie national? 

Henning Wiesner: Sowohl national als international fungieren wir für den Tier-, Natur- und Artenschutz quasi als Initiator vor allem bei Projekten, die von den großen Schutzorganisationen wenig beachtet werden. Was interessiert zum Beispiel eine international tätige Organisation, ob nun die Seeforelle und die Mairenke, die zu den Karpfenartigen zählt, wieder im Lüßbach, dem größten Zufluss vom Starnberger See, werden laichen können. Aber hier für uns und unsere Heimat ist es wichtig, scheinbar kleine unbedeutende Biotope wieder mit neuem Leben zu füllen. Davon gibt es in unserem reichen Deutschland mehr als man denkt. 

Julia Gräfin Maltzan: Als internationale Initiative sei als Beispiel Tansania genannt, wo durch unseren Input, Beratung und Finanzierung bereits etliche verwaiste Elefantenbabys gerettet und großgezogen werden konnten – da geht einem das Herz auf! Und damit setzen wir auch ein Zeichen für die lokale Bevölkerung, dass jedes einzelne Tier zählt und wir die Menschen und Wild-
tiere in ihrer Not nicht allein lassen.

Ein Herzensanliegen von Euch beiden war immer auch, den Menschen in Deutschland die Bedeutung von Naturschutz näherzubringen – etwa mit der Boa constrictor "Susi" und der Vogelspinne "Agathe" in Schulen, Euren speziellen zoopädagogischen Führungen im Wildpark Poing oder durch Vorträge – wie habt Ihr das Corona-Jahr dieser Hinsicht erlebt?

Julia Gräfin Maltzan: Glücklicherweise haben sich Online-Vorträge inzwischen fest etabliert, und so nahmen erneut rund 100 Studenten teil an der LMU- Vorlesung "Tierschutzaspekte in der
Zootierhaltung". Die Studenten der TU München aus dem Studiengang "Sustainable Resource Management" reflektierten durch meinen Vortrag über „Wildlife conservation – today, yesterday and tomorrow“ über Perspektiven und Chancen des Artenschutzes weltweit.

Im Wildpark Poing währenddessen begeisterte Susanne Schimpf in bewährter Weise durch 25 Führungen Erwachsene und Kinder für die einheimische Tierwelt, was einen wichtigen Baustein in unserem Gesamtkonzept darstellt. Die Zusammenhänge im Tierreich hautnah zu erleben, Ursache und Wirkung im Ökosystem zu begreifen, führt zu kritischem Nachdenken im Hinblick auf unser eigenes Tun und
Handeln.

Welche Pläne habt Ihr in Sachen Weiterbildung für die Zukunft?

Julia Gräfin Maltzan:  Wir haben speziell für andere Kontinente eine Fortbildungsreihe „Von Wildtierärzten für Wildtierärzte“ initiiert, die online startet und durch eine Optimierung der Wildtierbetreuung in Zoos, Auffangstationen und Schutzgebieten direkt zum Wohle der Tiere und indirekt zur Zoopädagogik und somit zum Artenschutz beiträgt. Dieses Projekt war mir ein extrem wichtiges Anliegen, und ich bin sehr glücklich über die gelungene Realisierung!

Was ist in diesem besonderen Jahr aus der Entwicklung des speziellen Blasrohr-Narkosegewehrs „Zoosleep“ geworden? Seid Ihr da weitergekommen?

Henning Wiesner:  Es war für mich ein regelrechter Festtag, als ich den Prototyp von „Zoosleep“ erstmalig in den Händen halten konnte. Es arbeitet sehr gut mit einer sehr niedrigen Abschuss- und Auftreffenergie und ist dadurch besonders tierschonend. Ein Exemplar wird im Wildpark Höllohe im praktischen Einsatz getestet und Herr Sandro Merl, Jäger und Tierpfleger, ist von der Treffgenauigkeit begeistert.

 In Sachen Corona-Pandemie scheint nun Licht am Horizont. Was bedeutet das für Euch? Welche Projekte wollt Ihr nun angehen?

Henning Wiesner: Eine neue Aufgabe kommt auf uns im Krüger-Nationalpark in Südafrika zu, wo wir Martin Wikelski von der Max-Planck-Gesellschaft und dem Projekt „Icarus“ bei der Besenderung von Elefanten helfen werden. Wir führen dann gemeinsam mit den Veterinären vor Ort die Immobilisationen durch. Klar: mit „Zoosleep“! 

Julia Gräfin Maltzan: Die wissenschaftliche Beratung und Unterstützung von Schutzgebieten wird auch weiter im Fokus unserer Arbeit stehen, und künftig soll auch ein Reservat in der ukrainischen Steppe, in Askania Nova, dazugehören, in dem u.a. Przewalski-Urwildpferde und Saiga-Antilopen beheimatet sind – dem geht natürlich eine persön-liche Ortsbesichtigung voraus. Aus Kamerun wurden wir wieder angefragt, beim Monitoring von Zoonosen mitzuwirken, zoologische Gärten zu beraten und die Ranger der Nationalparks weiterzubilden. Das sind erfreuliche Aussichten!

Apropos wieder Reisen: Wie geht es mit den lehrreichen Safaris der Akademie weiter?

Henning Wiesner: Unsere Tansania-Reisesafaris, die wir mit KIWI Tours und mit Begleitung des Bayerischen Rundfunks (BR2) veranstalten, sind eine optimale Möglichkeit, unseren Teilnehmern die Wichtigkeit und Bedeutung des Tier-, Natur- und Artenschutzes direkt vor Ort demonstrieren zu können. Dabei besuchen wir auch unsere Projektpartner auf der Makoa-Farm in der Nähe von Moshi, wo unsere Freunde Eli und Laszlo sich der verwaisten Elefantenbabys annehmen. Wir sponserten im vergangenen Jahr mehr als dreieinhalb Tonnen Milchaustauscher, der bestens vertragen wird. 

Wir hoffen, dass mit einem guten Impfschutz Reisen nach Afrika wieder möglich werden. 

Kontakt

Akademie für Zoo- und Wildtierschutz e.V.
Osserstr. 44
81679 München - Germany
Telefon 089 99 88 68 50
Email Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Über uns

Die Akademie unterstützt als gemeinnütziger Verein Tier-, Natur- und Artenschutzprojekte weltweit und generiert sich aus Spenden, die steuerlich absetzbar sind. Wir wollen dadurch auch bedrohten und in Not geratenen Tieren helfen, die finanziell nicht abgesichert sind.

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