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Interview

10 Jahre Akademie für Zoo -und Wildtierschutz

Sie haben viele Jahre im Münchner Tierpark Hellabrunn zusammengearbeitet und dabei immer den Tier-, Natur- und Artenschutz als ganz besondere Herzensangelegenheit betrachtet: Dr. Julia Gräfin Maltzan und Prof. Dr. Henning Wiesner. Vor zehn Jahren gründeten die beiden Zoo- und Wildtierärzte ihre Akademie für Zoo- und Wildtierschutz – ein gemeinnütziger Verein, der sich international wie national Arten- und Tierschutzprojekten widmet. Was sie damals dazu bewogen hat und was sich im Laufe der Jahre verändert hat, erzählen die beiden Akademie-Gründer im Gespräch.

Wie seid Ihr vor zehn Jahren darauf gekommen, die Akademie zu gründen?

Maltzan: Wir hatten beide das Glück, lange Jahre in einem wunderschönen Zoo praktizieren und Erfahrung sammeln zu dürfen. Zudem sind wir hier
in Deutschland sehr privilegiert, was Ausbildung und Wissenschaft angeht. Daher war es unser Anliegen, durch die Akademie diese praktische Erfahrung und unser Wissen auch andernorts einzubringen: wenn Wildtiere in Not geraten sind, Verantwortliche in Schutzgebieten Hilfestellung brauchen, oder wir gar Kollegen im Ausland weiterbilden können. Ganz zu schweigen von Artenschutzprojekten im Freiland – da geht einem einfach das Herz auf.
Wiesner: Für mich war der Artenschutz immer schon eine besondere Herzensangelegenheit. Deshalb habe ich mich auch schon dafür eingesetzt, als ich meine Karriere im Tierpark Hellabrunn 1972 begonnen habe. Von Anfang an, also fast 38 Jahre lang, habe ich in dieser Zeit aktiv mit eigenen Projekten für den Artenschutz gekämpft. Als Beispiel seien die erfolgreichen Erhaltungszuchten der Przewalski-Urwildpferde und der Mhorrgazellen angeführt – beide mit dem Ziel, diese vom Aussterben bedrohten Arten in ihrer Heimat wieder anzusiedeln. Für mich war das die moralische Legitimation für einen modernen Zoo. Eine Herzenssache streift man aber nicht einfach ab, nur weil man plötzlich im Ruhestand ist. Für mich war es immer klar, auch weiterhin aktiv im Tier-, Natur- und Artenschutz zu sein.

Ihr seid beide Zoo- und Wildtiermediziner und Distanzimmobilisations-Spezialisten – darunter kann sich der Laie meist wenig vorstellen.
Welche Rolle spielt diese Art der Anästhesie in der Tierme-dizin im Allgemeinen, im Artenschutz im Speziellen?

Wiesner: Die Distanzimmobilisation von Zoo- und Wildtieren ist ein ganz wichtiger Schlüssel in der Tiermedizin. Ohne sie könnte man Tiere weder untersuchen noch behandeln. Sie sind ja keine Menschen, denen man erklären kann, warum man dies oder jenes an ihnen vornimmt. Schon 1975 habe ich daher für „den Zugang zu unseren Zielgruppen“ die Hellabrunner Mischung entwickelt und das tierschonende Blasrohrsystem in der Veterinärmedizin hoffähig gemacht.
Maltzan: Ein jedes Tier kann ängstlich und wehrhaft sein, und daher ist das Blasrohr ein perfektes Hilfsmittel für jeden Tierarzt. Umso mehr ist bei Wildtieren die medizinische Versorgung ohne eine sichere Narkose aus der Distanz nicht denkbar. Durch die ständige Verbesserung und Weiterentwicklung dieser Techniken tragen wir also zum Tier- und Artenschutz bei, damit Äffchen oder Affe, Giftschlange, Großkatze oder Elefant alle sanft und sicher ins Reich der Träume geschickt werden können. Doch immer bleibt das „Indianerspielen“ eine aufregende Herausforderung.

Wie hat sich das Thema Artenschutz im Laufe der vergangenen Jahre gewandelt?

Maltzan: Das Thema ist zwar stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt, aber meist folgen daraus keine Handlungen. Die Weltbevölkerung verdoppelt sich alle 20 Jahre, eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, und dieses Artensterben ist großenteils auf den Verlust von Lebensräumen zurückzuführen. Die immense Dimension dieser Notlage haben die meisten noch gar nicht begriffen. Langfristig ist Artenschutz nur möglich innerhalb intakter Ökosysteme, deshalb müssen wir diese stabilisieren. Zumindest im Kleinen wollen wir unseren Teil dazu beitragen.

Wiesner: Seit zehn Jahren führe ich etwa zwei bis drei Mal pro Jahr als wissenschaftlicher Reiseleiter Safaritouren durch die Serengeti. Allein was sich dort in diesem Jahrzehnt- einem Klacks in der Evolution – verändert hat, ist unglaublich. So hat der soziale und politische Druck an den Nationalpark-Grenzen enorm zugenommen. Durch den Zuwachs der Bevölkerung dringen immer mehr Weidetiere unerlaubt in die Parks, was den Lebensraum der Wildtiere dort schrumpfen und Viehseuchen verbreiten lässt, etwa die Staupe von Hund auf Löwen oder die Räude von Hausrind auf Kaffernbüffel. Und von den vielen Schlingen zum Zwecke der Fleischbeschaffung mag
ich noch gar nicht reden... Der Druck, der durch die Menschen auf den Lebensraum der Tiere ausgeübt wird, ist einfach enorm: Dem Amazonasgebiet droht unter Jair Bolsonaro eine irreparable Vernichtung der
Regenwälder – eine unvorstellbare Katastrophe.

Wie schwierig ist Artenschutz weltweit?

Maltzan: Artenschutz ist und bleibt für viele ein abstrakter Begriff. Jeder möchte gern auf Safari eine heile Welt vorfinden – aber lieber auf einem anderen Kontinent. Bei uns haben die Bienen eine große Lobby, aber bei Großraubtieren wie Luchs und Wolf scheiden sich die Geister. In anderen Kontinenten sind die vielfältigen Interessenkonflikte oft umso größer. Was sind wir wirklich zu tun bereit, um Arten zu erhalten? Ein möglicher Lösungsansatz scheint mir persönlich, die Menschen in allen Ländern zum Natur- und Artenschutz zu motivieren – zum Beispiel durch Umweltpädagogik und durch die Unterstützung gut geführter zoologischer Gärten.

Wiesner: Besser als Bertolt Brecht kann man es nicht ausdrücken: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Mit der Überbevölkerung wächst die Zahl der Fresser exponentiell an. Moralisten bleiben da auf der Strecke.

Wann habt Ihr Euch zum ersten Mal mit Tier-, Natur- und Artenschutz befasst?

Wiesner: Ideell schon als Schüler im Vogel- und Naturschutz. Später im Beruf, als Zoodirektor, habe ich das Tier-, Natur- und Artenschutzzentrum im Münchner Tierpark Hellabrunn ins Leben gerufen und Spendengelder für in-situ-Projekte gesammelt. Geld dafür war ja im normalen Zoo-Haushaltsbudget nicht vorhanden. Diese Aktivität ist seinerzeit leider oft nicht verstanden worden.

Maltzan: In meiner Kindheit liebte ich die große Weide hinter unserem Gartenzaun, auf der im Sommer Kühe grasten, und ich erinnere mich gut an den Geruch ihrer großen Flotzmäuler. Ich freute mich an Wiesenblumen, Vogelgezwitscher, und beobachtete alles, was um mich herum kribbelte und krabbelte. Tagelang spielte ich an einer scheinbar unerschöpflichen Quelle. Als aber all dies eines Tages unter einer großen Betonschicht und Wohnhäusern begraben wurde, nahm ich mir vor, mich später im Leben für den Erhalt solch kleiner Paradiese einzusetzen.

Was wollt Ihr in Zukunft bewegen?

Maltzan: Wir möchten gerne unsere drei Säulen – Praxis, Lehre, Forschung – als Ziele weiterverfolgen: durch persönliche Einsätze vor Ort, wo immer dies vonnöten sein wird, durch Weiterbildung von Schülern, Studenten, Zoo-Mitarbeitern und Rangern im In- und Ausland, und durch die Förderung von wissenschaftlichen Projekten und Studien. Dabei liegt mir persönlich die Weiterbildung in Entwicklungsländern besonders am Herzen: damit gerade dort zoologische Einrichtungen und Schutzgebiete ihren pädagogischen Auftrag erfüllen können und die Bevölkerung motivieren, die Lebensräume „ihrer“ Wildtiere zu schützen.

Wiesner: Wir werden weiterhin kleinere Tier-, Natur- und Artenschutzprojekte zielgenau, unbürokratisch, mit unserem persönlichen Einsatz und durch das Sammeln von Geldern dafür unterstützen. Auf Nachhaltigkeit legen wir dabei besonderen Wert. Einerseits gibt es in diesem Sinne auch in unserem reichen Deutschland noch viel für den heimischen Tier-, Natur- und Artenschutz zu tun. Andererseits blinzeln wir auch ein wenig in die Sterne. Eine besondere Sternstunde stellt das „Icarus“-Projekt dar. Wir sind sehr froh, hier richtungsweisende Grundlagenforschung unterstützen zu können. Gleiches gilt für die Kooperation mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, aber auch für die langjährige Zusammenarbeit mit dem Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, etwa bei dem Nashornprojekt und nun auch mit unserem neuen gemeinsamen Ziel: der Kryospermakonservierung zur künstlichen Befruchtung hochbedrohter Kranicharten.

Ist der Artenschutz jetzt durch die Corona-Pandemie bedroht?

Wiesner: Je höher der Schaden hinsichtlich der Volksgesundheit mit daraus resultierender Wirtschaftsrezession sein wird, desto größer wird auch die Bedrohung für den weltweiten Artenschutz. Nur, wie dann helfen? Diesen Mai erreichte mich ein Hilferuf aus Venezuela. Die Nachbarn des Zoos von Caracas können das Klagegeschrei der verhungernden Großkatzen nicht mehr ertragen...

Maltzan: Einerseits gibt es durch den kollektiven Stillstand der Welt wieder Freiraum für Wildtiere, Lebensräume zurückzuerobern. Der Mensch als Wanderer und Entdecker bleibt plötzlich daheim - das sind Chancen für das Wiederaufleben von Ökosystemen. Andererseits fehlen in vielen Schutzgebieten Touristen, Mitarbeiter, Forscher und besonders finanzielle Mittel, um Natur- und Artenschutz fortzuführen. Viele Menschen sind in Not, da scheint Artenschutz ein überflüssiger Luxus. Umso mehr wollen wir diese reisefreie Zeit nutzen, um unsere Strategie und unser Konzept weiterzuentwickeln und Neues anzustoßen. ■

Kontakt

Akademie für Zoo- und Wildtierschutz e.V.
Osserstr. 44
81679 München - Germany
Telefon 089 99 88 68 50
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Über uns

Die Akademie unterstützt als gemeinnütziger Verein Tier-, Natur- und Artenschutzprojekte weltweit und generiert sich aus Spenden, die steuerlich absetzbar sind. Wir wollen dadurch auch bedrohten und in Not geratenen Tieren helfen, die finanziell nicht abgesichert sind.

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